RÜCKBLICK AUF DIE REICHENAUER KÜNSTLERTAGE 2003

GEBET UND RAUM

 

 

 

Die "Reichenauer Künstlertage", in diesem Jahr vom 5.-7. Oktober abgehalten und vom Vorstand des Kunstvereins der Diözese Rottenburg-Stuttgart vorbereitet und ausgerichtet, standen unter dem Thema "Gebet und Raum". Was mit dieser Themenstellung beabsichtigt war, verdeutlichte der Einladungstext folgendermaßen: "Räume haben sinnliche Qualität. Zugleich sind sie sinnmächtig; sie konstituieren Sinn, sei es als solche, sei es aufgrund ihrer Funktion. Das, wozu ein Raum dient, verdichtet sich in ihm. Materielles und Geistiges bedingen und durchdringen sich wechselseitig. Das gilt in besonderem Maße vom sakralen Raum. Er dient der Begegnung mit dem Heiligen und ist zugleich Ort seiner Gegenwart. Ein Ort der Verehrung, der Feier und des Gebets. Ein mystischer Ort, zu dessen Qualitäten es gehört, dass er Menschen zu sich selbst bringt und sie über sich hinaus führt."

Textfeld: GEBET UND RAUM


Keine Frage: Es ist nicht gleichgültig, in welchem Raum sich eine Gemeinde zur Feier des Gottesdienstes versammelt. Von Klemens Richter gibt es hierzu das wichtige, kleine Buch "Kirchenräume und Kirchenträume. Die Bedeutung des Kirchenraums für eine lebendige Gemeinde" (Freiburg- 1998). Gleich im einleitenden Kapitel - "Prägung des Glaubens durch den liturgischen Raum" - wird herausgestellt: "Dass die Liturgie Feier des Glaubens ist und daher auch den Glauben prägt, wird wohl weithin 

als selbstverständlich betrachtet. Dass dies aber auch für den Ort gilt, an dem sich Christen zu ihren liturgischen Feiern versammeln, scheint keineswegs in gleicher Weise selbst­­verständlich zu sein. Dabei kann kein Zweifel darüber bestehen, dass auch der liturgische Raum den Glauben prägt und diesen Glauben durch seine Gestaltung zum Ausdruck bringt ... Die Raumgestalt ist zudem Ausdruck des Selbstverständnisses von Gemeinde und Kirche, Spiegelbild eines ganz bestimmten Kirchenverständnisses, einer ganz bestimmten Ekklesiologie."

Das für die Reichenauer Tagung gewählte Thema war freilich weiter gefasst. Es beschränkte sich nicht, wie Richters Buch, auf den Bereich "Liturgie und Raum", sondern war offener, allgemeiner gehalten: "Gebet und Raum". Die Thematik wurde "aus theologisch-liturgiewissen­schaft­licher, künstlerischer und architektonischer Sicht" angegangen (Text der Einladung).

Den Anfang machte der Künstler, und das war gut so; schließlich befand man sich auf "Künstlertagen" und waren es auch vor allem Künstlerinnen und Künstler, die sich zur Tagung eingefunden hatten. Zum Auftakt also, noch am Sonntagabend, Hans Peter Reuter (Nürnberg; früher Karlsruhe) mit seinem Diavortrag "Gebet und Raum - Betrachtungen eines Malers". Reuters Thema ist der Illusionsraum, den er in seinen Arbeiten in immer neuer Variationen aus gemalten farbigen Kacheln entstehen lässt, wobei er sich streng an das "Dogma der Flächigkeit" hält. Mit seinen Bildern, so Reuter, schaffe er "neue Räume in der Vorstellungswelt des Betrachters." Von größter Wichtigkeit bei der Gestaltung dieser Räume: das Licht! "Bilder, auf denen nichts darauf ist und alles darin."

Der theologische und liturgiewissenschaftliche Part war bei der Tagung Angelus Häußling von der Benediktinerabtei Maria Laach zugeeilt. Der Ausgangspunkt: "Der Glaubende tritt in Kontakt mit Gott: Gott hört - der Glaubende hört." Das Sprechen mit Gott in Klage und Bitte, in Freudenruf und Loblied; die Feier des Festes, die Eucharistie des christlichen Gottesdienstes. Der Referent zeigte in diesem Zusammenhang den Kloster-(Kirchen-) Plan von St. Gallen, der eine bemerkenswerte Besonderheit aufweist: einerseits die prunkvolle Fülle der Hauptkirche, dem Ort der gemeinsam gefeierten Liturgie; anderseits das Oratorium, der karge "Raum des Gebets": das "Sich- Finden in einem leeren Raum". Wichtig auch der Hinweis, dass sich "Glaube und Gebet der Christen immer auf Geschichte beziehen. Das Hochgebet der Eucharistiefeier mit der Anamnese, dem Blick auf "Gottes Taten an Jesus Christus ". In der anschließenden Diskussion dann die Frage: "Ist der Raum beliebig, in dem man beten kann?" "Für den einzelnen: Ja." Dagegen,: "Für eine Gemeinde ist es nicht beliebig, wo sie betet."

(Siehe die obigen Ausführungen aus dem Buch von K. Richter.) Mit Andreas Hoffmann (Eningen) kam im 3. Referat nochmals ein Künstler zu Wort: "Rauminszenierung. Selbstbegegnung - Fremdbegegnung". Hoffmann stellte dabei sein einstweilen nur als Videofilm existierendes Projekt "Körperwege - Hautkontakt - Eine Inszenierung für einen Spieler/Zuschauer" vor, das hier nicht in seinen Einzelheiten geschildert werden kann. Nur dieses: Eine Person, die zugleich Spieler/Zuschauer ist, betritt einen Raum. Sie legt in sieben Stationen den Weg ins Zentrum des Raumes zurück. Dort spielt die 8. Station, am Wasserbecken. "Das Geschehen erinnert an die Taufe; Gang in die Mitte des Labyrinths; ein modernes Mysterienspiel" - Urteile die in der abschließenden Diskussion abgegeben wurden. Schließlich als Architekt Arno Lederer (Stuttgart - Karlsruhe), der sich in seinen Ausführungen auf das schwierige Gebiet des "Sakralen in der Architektur / im Menschen" begab. Zu Recht betonte er: "Das Sakrale ist seit der Aufklärung suspekt geworden. Zurückhaltend sprach er dann vom Raum, "dem man das Attribut 'sakral' zuschreibt." Abwesenheit des Zweckes - Faszination des Unerklärlichen. Der Glaube als "Hinweis auf das, was fehlt." Nichts mit dem Thema der Tagung hatte der Vortrag von Diözesanjustitiar Felix Hammer (Rottenburg) zu tun: "Tisch des Herrn als Handelsware?" Hier ging es schlicht um ein Problem, mit dem sich viele Künstler herumzuschlagen haben: Darf das Finanzamt für Arbeiten, die für Kirchen ausgeführt werden (Altäre, Ambonen...) einen höheren Satz der Mehrwertsteuer erheben als für "freie Kunstwerke"? Es wäre wichtig, so war zu hören, dass die Künstler in dieser Sache nicht der Willkür von Finanzbeamten ausgesetzt bleiben.

Zur Reichenauer Tagung gehörte wieder eine "Infothek", eine Dokumentation von jüngsten Arbeiten der teilnehmenden Künstlerinnen und Künstler; eine Einrichtung, die sich sehr bewährt hat.

Schließlich fanden sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung im Münster von Mittelzell zu einem festlichen Gottesdienst zusammen, der von Weihbischof Uhl (Freiburg) geleitet wurde. Seine besondere Note erhielt dieser Gottesdienst durch die großartigen modernen Orgelkompositionen, die Christa Wetter (Karlsruhe) vortrug. Bleibt zu erwähnen, dass die Tagung 2004 vom 3.-5. Oktober stattfinden wird. 

Franz Scherer 

Mitglied in der Gemeinschaft Christlicher Künstler

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