RÜCKBLICK AUF DIE REICHENAUER KÜNSTLERTAGE 2005

LITURGIE ALS BAUHERRIN?

 

 

 

Reichenauer Künstlertage 2005

Für die „Reichenauer Künstlertage“  dieses Jahres (9.-11. Oktober) ergab sich das Thema aus dem Jubiläum, das am 8. Dezember ansteht: Es sind 40 Jahre vergangen, seit das „Weltereignis Konzil“ (Manfred Plate, Buchtitel 1966) seinen Abschluss fand. Liturgie war das erste Thema, mit dem sich die Kirchenversammlung befasste, und es war Paul VI. selbst, der es „in gewisser Weise nach seinem inneren Wert und nach seiner Bedeutung für das Leben der Kirche das wichtigste von allen“ nannte (Rede zum Abschluss der 2. Sitzungsperiode, 04.12.1963)

Herbert Muck legte gleich nach dem Konzil das wichtige Bändchen „Die Gestaltung des Kirchenraumes nach der Liturgiereform“ vor (Münster 1966), das schon im ersten Satz des Vorworts herausstellt: „Für die Entfaltung der Liturgiefeier ist ein gut geordneter Raum wesentliche Hilfe, wenn nicht sogar Voraussetzung.“ Es waren „Anregungen, die bedacht werden müssen, weil sonst die Gefahr besteht, dass ungenügende Konzeptionen festgehalten werden, die sich längst als ungeeignet erwiesen haben, über deren Ungenügen aber die modischen Einkleidung oder die neue Art technischer Verwirklichung hinwegtäuscht.“ Leider ist 40 Jahre später festzustellen, dass tatsächlich bei vielen nachkonziliaren Kirchenbauten, vor allem bei den allerorts vorgenommenen Umbauten und Neugestaltungen an „ungenügenden Konzeptionen festgehalten“ wurde, die der Liturgieauffassung des Konzils nicht gerecht werden. Einer der Hauptreferenten merkte auf der Reichenau hierzu an, dass inzwischen manche Kirchen seit dem Konzil bereits zum dritten Mal umgestaltet werden – in „schrittweiser Aneignung des Konzils“.

Für das theologische Hauptreferat „Grundlagen der Liturgiereform und liturgische Entwicklungen“ war der Liturgiewissenschaftler Klemens Richter (Münster) gewonnen worden, der mit seinem Buch „Kirchenräume und Kirchenträume. Die Bedeutung des Kirchenraums für eine lebendige Gemeinde“ (Freiburg 1998) einen wichtigen Beitrag zum Thema der Reichenauer Tagung vorgelegt hat. Anliegen seines Referates war es, die grundlegenden Prinzipien und Ziele der Liturgiereform des II. Vatikanums darzulegen. Richter ging dabei in fünf Schritten vor: „1. Sacrosanctum Concilium – das Ende des Mittelalters in der Liturgie; 2. Theologische Prinzipien; 3. Kritik und Widerstände; 4. Kritische Würdigung der Liturgiereform; 5. Herausforderung zu einer Liturgia semper reformanda“.

Als theologische Prinzipien der Liturgiekonstitution stellte Richter heraus: Liturgie als Dialog zwischen Gott und Mensch; Wandel von einem statischen zu einem dynamischen Liturgieverständnis; Zusammenhang von Ekklesiologie und Liturgie („Liturgie baut die Kirche auf“; „eucharistische Ekklesiologie“); Glaube und Liturgie („Die Kirche glaubt so, wie sie betet.“).

Liturgie ist nach Richter ein Gesamtkunstwerk, Ausdruck einer Glaubensästhetik. „Es ist nichts beliebig, alles wirkt – auch in der Raumgestaltung.“

Eine Ergänzung zu den Ausführungen Richters war das Referat von Margret Schäfer-Krebs (Rottenburg), die in der Erwachsenenbildung der Diözese Rottenburg-Stuttgart tätig ist: „Die Liturgie als Bauherrin – und was daraus folgt: Gestaltungen/Formen – Orte – neue Raumerfordernisse“. Hier ging es um die praktischen Folgerungen, die sich aus dem theologischen/ekklesiologischen Konzept der Reform

ergeben. „Neue Raumerfordernisse“ ergeben sich aus der Tatsache, dass die unterschiedlichen Gottesdienstformen jeweils entsprechende Versammlungsformen verlangen – Liturgie kennt nicht nur die Messfeier und wird auch in Kleingruppen gefeiert. Die Referentin plädierte für bewegliche Bestuhlung, anstatt der starren Kirchenbänke, um den mannigfachen Erfordernissen etwas besser gerecht werden zu können.

In der Diskussion wurde ein Punkt angesprochen, auf den die Referentin – die sonst nichts ausgelassen hatte, weder die Anschlagtafel noch das Weihwasserbecken – nicht eingegangen war: die in den Gemeinden noch immer geübte Praxis des „halbierten Abendmahls“ (Verweigerung des Laienkelchs). Auch Richter bedauerte diese Praxis und nannte sie eine „Minimalisierung“ unter Missachtung der Zeichenhaftigkeit. Er selbst habe in den USA keine Eucharistiefeier ohne Kelchkommunion der Gemeinde erlebt – und das bei Gottesdiensten mit 500 Teilnehmern.

Wie schwierig es sein kann, einen Raum im Sinn der Vorgaben des Konzils einzurichten, verdeutlichen die beiden Projekte, die Diözesanbaumeister Heiner Giese, Rottenburg, und Bauamtsleiter Anton Bauhofer, Freiburg, vorstellten. In beiden Fällen handelte es sich um hochrangige historische Räume: das spätgotische Heilig-Kreuz-Münster in Schwäbisch Gmünd und das Münster in Freiburg. Da wie dort fanden Wettbewerbe statt. In Schwäbisch Gmünd fiel die Entscheidung auf den Entwurf Gottfried Böhms (Köln) – der in der FAZ (22.04.2004) vom Architekturkritiker unter der Überschrift „Rampenskandal“ niedergemacht wurde. In Freiburg zogen sich die Planungen über 15 Jahre hin. Jetzt soll der Entwurf von Franz Gutmann (Münstertal; Mitglied der Freiburger Künstlergemeinschaft und bei der Tagung anwesend) zur Ausführung kommen.

Verschiedene Künstlerinnen und Künstler konnten bei der Tagung ihre Arbeit vorstellen. Am Eröffnungsabend überzeugte Madeleine Dietz (Godramstein bei Landau) mit der Präsentation ihrer Skulpturen, in denen sie Stahl und getrocknete Erde miteinander kombiniert. Mit diesen Materialien hat sie auch Altäre für verschiedene Kirchen gestaltet.

Im Künstlerforum – unter dem Motto „Kirchenräume – Kirchenträume“ stehend – kamen zu Wort: der Bildhauer Alois Landmann (Merdingen), der Maler Paul Groll (Lauchheim), die Malerin Petra Pfirmann (Esslingen) und der Maler Markus Ege (Stuttgart).

Es versteht sich von selbst, dass sich die Tagung nicht nur theoretisch – in Referat und Diskussion – mit dem Thema Liturgie befasste, sondern die Feier der Liturgie selbst einbezog. Höhepunkt war die Eucharistiefeier im Münster von Mittelzell. Geleitet wurde sie von den beiden Weihbischöfen Dr. Paul Wehrle, Freiburg, und Dr. Johannes Kreidler, Rottenburg. Beide sind in ihrer Diözese mit Aufgaben im künstlerischen Bereich betraut.  

Die „Reichenauer Künstlertage“ werden jeweils von der Gemeinschaft christlicher Künstler Erzdiözese Freiburg, dem Kunstverein der Diözese Rottenburg-Stuttgart und dem Bildungswerk der Erzdiözese Freiburg Region Bodensee abgehalten. Für die diesjährige Tagung war der Rottenburger Kunstverein verantwortlich.  

Franz Scherer 

Mitglied in der Gemeinschaft Christlicher Künstler

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