RUNDBRIEF VON PFARRER SCHERER DEZEMBER 2006

 

 

Das andere Weihnachtsevangelium Joh. 1,1-18

In meinem Wohnort Ettlingen hat man seit Wochen überall Plakate vor Augen mit der Aufschrift: „Großer Weihnachtszirkus“. Glücklicherweise wird damit nicht in eine Kirche eingeladen, sondern tatsächlich ins Zirkuszelt, zur „Familienvorstellung“ an „Heiligabend“. Doch „großen Weihnachtszirkus“ kann es zum genannten Termin durchaus auch in Kirchen geben. Die Einladungen dazu kommen allerdings doch nicht so plump daher.

Doch: Man muss die Leute dort abholen, wo sie sind.

Man muss die Chancen nutzen, so viele Menschen in der Kirche zu haben wie eben nur am Heiligen Abend.

Romano Guardini (ich habe ihn noch in meinem Münchner Studienjahr in Hörsaal und Universitätskirche gehört) sagte schon vor Jahrzehnten, was auf diese Weise geschieht: Wer die Dinge des Glaubens verniedlicht, bringt sie um.

Gerade las ich in der Zeitung, wie sich der „Wichtel- und Kinderchor“ der Pfarrei, der ich angehöre, „auf den Auftritt am Heiligabend“ vorbereitet. Das obligatorische Krippenspiel. „Begehrt sind die Engelskostüme“. Man erfährt: Religionslehrer, Erzieherin und Kantor „legen Wert darauf, dass am biblischen Text festgehalten wird. Ziel dabei: Die Kinder sollen wissen, was sich in der Nacht vor etwas mehr als 2000 Jahren nach dem Evangelium im Stall von Bethlehem bei der Geburt Jesu abgespielt hat.“

Liest sich schön. Doch: Hat sich das abgespielt ? – Aber es sind ja Kinder ! – Und gerade auch als Kinder haben sie einen Anspruch auf die Wahrheit, und nicht auf gut gemeinte Verbrämung.

In einem Religionsbuch, nach dem ich jahrelang Grundschüler zu unterrichten hatte, ist der „Weihnachtsgeschichte“ ein Vorspann beigegeben, der für Kinder so notwendig und hilfreich ist wie für Erwachsenen: „Nachdem die Apostel erfahren hatten, dass Jesus über den Tod hinaus lebt, war ihnen erst richtig klar geworden, wer Jesus wirklich war. Sie erkannten:

            Jesus ist von Gott gekommen.

Er ist wirklich der Messias, der Christus,

auf den das Volk Israel so lange gewartet hatte.

Durch ihn will Gott uns vor dem Unheil retten.

Das haben sie den Menschen verkündigt. Viele glauben ihnen und wurden Christen. In den Gemeinden der ersten Christen wollte man noch mehr über Jesus wissen:

wer er war,

woher er kam,

wo er geboren wurde,

wer seine Mutter war.

 So entstanden Geschichten über die Geburt Jesu. Diese Geschichten wollen verkündigen, wer Jesus ist. Lukas hat eine solche Geschichte aufgeschrieben.“ Folgt Lk 2,1-18

In seiner Schrift „Was Weihnachten bedeutet“ (Freiburg, 1977) nennt Anton Vögtle die Erzählung des Lukas „ein Kleinod einer Christuserzählung“, die „nicht als Erlebnisbericht, sondern ... als Ausdruck des urchristlichen Messias(=Christus)bekenntnisses verstanden werden will.“

Am Ende der kleinen Schrift, die sich bescheiden eine „Meditation zu Lukas 2, 1-20“ nennt und vor immerhin 30 Jahren erschienen ist, stellt der Autor fest, dass es diesem Schrifttext „einzig auf das `Wer´ des Geborenen ankommt“. Ob er, das eigentliche Geschenk, das wahre Wunder der Weihnacht, dem großen Publikum der Christ­mette wirklich die Hauptsache ist ? (siehe Karikatur !)

Drei Messformulare für das Fest

Weit entfernt von jeder Sentimentalität und Kinderseligkeit präsentieren sich die offiziellen Vorlagen für die drei Messfeiern, die an Weihnachten möglich sind, mit den Kennzeichnungen: „In der Heiligen Nacht – Am Morgen – Am Tag“ (Christmette, Hirtenmesse, Hochamt). Die drei Gottesdienste verdanken sich der Papstliturgie in Rom, wie sie sich bis zur Mitte des 6. Jahrhunderts herausgebildet  hat und durch die Verbreitung der römischen Liturgiebücher weithin vorbildlich wurde. Am Anfang stand die Messe „am Tag“ (4. Jahrhundert), die in St. Peter gefeiert wurde, im 5. Jahrhundert kam die Mitternachtsmesse in der Laterankirche hinzu, in der sich eine Nachbildung der Geburtsgrotte von Bethlehem befand.

Die Hauptfeier war und ist noch immer nicht die so beliebte Christmette, sondern die „Messe am Tag“. Als Hauptschriftlesung bringt sie den Johannesprolog, von Heinrich Kahlefeld „das andere Weihnachtsevangelium“ genannt. Der Gipfelsatz liegt in Vers 14 vor: „Und das Wort  ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.“

Nichts da von Krippenkind, singenden Engeln, anbetenden Hirten. Dafür aber die brutale Aussage vom Wort, das nicht einfach Mensch, sondern „Fleisch“ wird. „`Fleisch´ bezeichnet die menschliche Realität und Daseinsverfassung im Unterschied zu Gott, vor allem in ihrer Hinfälligkeit und Ohnmacht.“ (Josef Blank)

Eigenartigerweise sieht die Leseordnung vor, dass der Vortrag des Johannesprologs am 2. Sonntag nach Weihnachten wiederholt wird. Rechnen die Bearbeiter von vornherein damit, dass „das andere Weihnachtsevangelium“ am Festtag selbst keine Chancen hat anzukommen ? Die Wiederaufnahme kurz nach dem Fest hat jedoch einen großen Vorteil: als Lesung aus dem AT ist dem Hymnus auf das Wort, das in Jesus Christus Mensch wurde, ein entsprechender Hymnus auf die „Weisheit Gottes“, die in Jerusalem Wohnung genommen hat, vorangestellt (Buch Jesus Sirach 24, 1-2.8-12). Zweifellos bildet der Weisheitshymnus den Hintergrund und Ausgangspunkt für das christologische Lied, das der 4. Evangelist an den Anfang seines Buches gestellt hat. Was dort von der Weisheit (Sophia) gesagt ist, überträgt der Evangelientext auf das Wort (Logos). Dabei gibt es freilich einen tiefgreifenden Unterschied: Während die Weisheit, nachdem sie bei „allen Völkern und Nationen ... einen Ort der Ruhe“ gesucht hat, in Jerusalem, inmitten des Gottesvolkes, Wohnung findet, heißt es im Evangelium: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf“ (Vers 11). Jesu Ablehnung durch sein eigenes Volk wird damit schon im Prolog zum Ausdruck gebracht. Den Ablehnenden werden in der Weiterführung die entgegengestellt, „die ihn aufnahmen“, die „an seinen Namen glauben“ und  so „aus Gott geboren sind.“

An den Schluss seien einige Sätze Rudolf Schnackenburgs gestellt (aus einer Umfrage: „Wer ist Jesus von Nazaret – für mich ?): „Das Johannesevangelium, das mich in meiner theologischen Arbeit besonders beschäftigt, verdeutlicht mir in einer eigentümlichen, gewiss zeitbedingten und doch zeitüberlegenen Weise jene einmalige Bedeutung der Person Jesu für mich selbst und die ganze Menschheit ... Ich will nur auf ein Wort hinweisen, das mir unter dem Gedanken der Nachfolge besonders kostbar ist: `Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt, der geht nicht in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben´(8,12)...

Jesu geschichtliches Auftreten und Wirken ist immer wieder exemplarisch für mich: ein Künder grenzenloser Liebe und darum ein Anwalt der Armen und Verachteten, ein Helfer der Schwachen, ein Verstehender und Verzeihender für die Sünder, aber auch ein harter Kritiker der hartherzigen Menschen, die ihre Stellung, Reichtum und Macht, geistiges und geistliches Ansehen missbrauchen, ein scharfer Beobachter aller Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, ein Mann Gottes, für den nur Gottes Maßstäbe gelten.“

Nein, nicht das Christkind ist anzuhimmeln, sondern er, der das „Wort“ ist, ist zu hören und in seiner Weisung und seinem Vorbild ernst zu nehmen.

Franz Scherer

webmaster: h.opp/Dezember 2006