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Gerade las ich
in der Zeitung, wie sich der „Wichtel- und Kinderchor“ der Pfarrei,
der ich angehöre, „auf den Auftritt am Heiligabend“ vorbereitet.
Das obligatorische Krippenspiel. „Begehrt sind die Engelskostüme“.
Man erfährt: Religionslehrer, Erzieherin und Kantor „legen Wert
darauf, dass am biblischen Text festgehalten wird. Ziel dabei: Die
Kinder sollen wissen, was sich in der Nacht vor etwas mehr als 2000
Jahren nach dem Evangelium im Stall von Bethlehem bei der Geburt Jesu
abgespielt hat.“
Liest sich schön.
Doch: Hat sich das abgespielt ? – Aber es sind ja Kinder ! – Und
gerade auch als Kinder haben sie einen Anspruch auf die Wahrheit, und
nicht auf gut gemeinte Verbrämung.
In einem
Religionsbuch, nach dem ich jahrelang Grundschüler zu unterrichten
hatte, ist der „Weihnachtsgeschichte“ ein Vorspann beigegeben, der für
Kinder so notwendig und hilfreich ist wie für Erwachsenen: „Nachdem
die Apostel erfahren hatten, dass Jesus über den Tod hinaus lebt, war
ihnen erst richtig klar geworden, wer Jesus wirklich war. Sie erkannten:
Jesus ist von Gott gekommen.
Er
ist wirklich der Messias, der Christus,
auf
den das Volk Israel so lange gewartet hatte.
Durch
ihn will Gott uns vor dem Unheil retten.
Das
haben sie den Menschen verkündigt. Viele glauben ihnen und wurden
Christen. In den Gemeinden der ersten Christen wollte man noch mehr über
Jesus wissen:
wer
er war,
woher
er kam,
wo
er geboren wurde,
wer
seine Mutter war.
So
entstanden Geschichten über die Geburt Jesu. Diese Geschichten wollen
verkündigen, wer Jesus ist. Lukas hat eine solche Geschichte
aufgeschrieben.“ Folgt Lk 2,1-18
In seiner
Schrift „Was Weihnachten bedeutet“ (Freiburg, 1977) nennt Anton Vögtle
die Erzählung des Lukas „ein Kleinod einer Christuserzählung“, die
„nicht als Erlebnisbericht, sondern ... als Ausdruck des
urchristlichen Messias(=Christus)bekenntnisses verstanden werden
will.“
Am Ende der
kleinen Schrift, die sich bescheiden eine „Meditation zu Lukas 2,
1-20“ nennt und vor immerhin 30 Jahren erschienen ist, stellt der
Autor fest, dass es diesem Schrifttext „einzig auf das `Wer´ des
Geborenen ankommt“. Ob er, das eigentliche Geschenk, das wahre Wunder
der Weihnacht, dem großen Publikum der Christmette wirklich die
Hauptsache ist ? (siehe Karikatur !)
Drei
Messformulare für das Fest
Weit entfernt
von jeder Sentimentalität und Kinderseligkeit präsentieren sich die
offiziellen Vorlagen für die drei Messfeiern, die an Weihnachten möglich
sind, mit den Kennzeichnungen: „In der Heiligen Nacht – Am Morgen
– Am Tag“ (Christmette, Hirtenmesse, Hochamt). Die drei
Gottesdienste verdanken sich der Papstliturgie in Rom, wie sie sich bis
zur Mitte des 6. Jahrhunderts herausgebildet
hat und durch die Verbreitung der römischen Liturgiebücher
weithin vorbildlich wurde. Am Anfang stand die Messe „am Tag“ (4.
Jahrhundert), die in St. Peter gefeiert wurde, im 5. Jahrhundert kam die
Mitternachtsmesse in der Laterankirche hinzu, in der sich eine
Nachbildung der Geburtsgrotte von Bethlehem befand.
Die Hauptfeier
war und ist noch immer nicht die so beliebte Christmette, sondern die
„Messe am Tag“. Als Hauptschriftlesung bringt sie den
Johannesprolog, von Heinrich Kahlefeld „das andere
Weihnachtsevangelium“ genannt. Der Gipfelsatz liegt in Vers 14 vor:
„Und das Wort ist Fleisch
geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit
gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und
Wahrheit.“
Nichts da von
Krippenkind, singenden Engeln, anbetenden Hirten. Dafür aber die
brutale Aussage vom Wort, das nicht einfach Mensch, sondern
„Fleisch“ wird. „`Fleisch´ bezeichnet die menschliche Realität
und Daseinsverfassung im Unterschied zu Gott, vor allem in ihrer Hinfälligkeit
und Ohnmacht.“ (Josef Blank)
Eigenartigerweise
sieht die Leseordnung vor, dass der Vortrag des Johannesprologs am 2.
Sonntag nach Weihnachten wiederholt wird. Rechnen die Bearbeiter von
vornherein damit, dass „das andere Weihnachtsevangelium“ am Festtag
selbst keine Chancen hat anzukommen ? Die Wiederaufnahme kurz nach dem
Fest hat jedoch einen großen Vorteil: als Lesung aus dem AT ist dem
Hymnus auf das Wort, das in Jesus Christus Mensch wurde, ein
entsprechender Hymnus auf die „Weisheit Gottes“, die in Jerusalem
Wohnung genommen hat, vorangestellt (Buch Jesus Sirach 24, 1-2.8-12).
Zweifellos bildet der Weisheitshymnus den Hintergrund und Ausgangspunkt
für das christologische Lied, das der 4. Evangelist an den Anfang
seines Buches gestellt hat. Was dort von der Weisheit (Sophia) gesagt
ist, überträgt der Evangelientext auf das Wort (Logos). Dabei gibt es
freilich einen tiefgreifenden Unterschied: Während die Weisheit,
nachdem sie bei „allen Völkern und Nationen ... einen Ort der Ruhe“
gesucht hat, in Jerusalem, inmitten des Gottesvolkes, Wohnung findet,
heißt es im Evangelium: „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen
nahmen ihn nicht auf“ (Vers 11). Jesu Ablehnung durch sein eigenes
Volk wird damit schon im Prolog zum Ausdruck gebracht. Den Ablehnenden
werden in der Weiterführung die entgegengestellt, „die ihn
aufnahmen“, die „an seinen Namen glauben“ und
so „aus Gott geboren sind.“
An den Schluss
seien einige Sätze Rudolf Schnackenburgs gestellt (aus einer Umfrage:
„Wer ist Jesus von Nazaret – für mich ?): „Das
Johannesevangelium, das mich in meiner theologischen Arbeit besonders
beschäftigt, verdeutlicht mir in einer eigentümlichen, gewiss
zeitbedingten und doch zeitüberlegenen Weise jene einmalige Bedeutung
der Person Jesu für mich selbst und die ganze Menschheit ... Ich will
nur auf ein Wort hinweisen, das mir unter dem Gedanken der Nachfolge
besonders kostbar ist: `Ich bin das Licht der Welt; wer mir nachfolgt,
der geht nicht in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens
haben´(8,12)...
Jesu
geschichtliches Auftreten und Wirken ist immer wieder exemplarisch für
mich: ein Künder grenzenloser Liebe und darum ein Anwalt der Armen und
Verachteten, ein Helfer der Schwachen, ein Verstehender und Verzeihender
für die Sünder, aber auch ein harter Kritiker der hartherzigen
Menschen, die ihre Stellung, Reichtum und Macht, geistiges und
geistliches Ansehen missbrauchen, ein scharfer Beobachter aller
Unwahrhaftigkeit und Heuchelei, ein Mann Gottes, für den nur Gottes Maßstäbe
gelten.“
Nein, nicht das
Christkind ist anzuhimmeln, sondern er, der das „Wort“ ist, ist zu hören
und in seiner Weisung und seinem Vorbild ernst zu nehmen.
Franz
Scherer
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