Publikation: "Rilke: Wörter aus atmen"

Harald Herrmann im Rombach Verlag
 

Rilke wortlos - nicht sprachlos. Seit den späten 1980er Jahren gilt die künstlerische Zuwendung zu Rilke, allemal sich entzündend an den Duineser Elegien. Ein Wortgebirge, mit Aussichten und Abgründen. Manchmal sehr dünne Luft, die das Ein- und Ausatmen zu einer Herzensangelegenheit werden ließ. Seine Sprachkaskaden, immer unterwegs zu Gott und der Welt und den Frauen, die in ihm den Langstreckenläufer sahen, der er nicht war. Rilke, eher Bet- und Bettnachbar, sein Hauchen hat Männer und Frauen betört. Von der Schule verhunzt, die in ihm den Reimkönig gesehen hat, nicht erklärend, dass neben Sprach-Tradition der Reim das Gerüst war, das von ihm in die Höhen gebaut wurde wie eine, nein, viele Jakobsleitern. Absturzgefahr inclusive. Es gibt Fotoaufnahmen von Rilke, die ihn als einen Menschen zeigen ohne Anwesenheit. Wittgenstein nannte ihn einen Mönch mit einer purpurroten Kutte, dem Weltlichen zugewandt. Seine Einsamkeit, sein Unbehaust-Sein wird dabei oft übersehen. Denkbar, dass Rilke unentwegt geweint hat, inwendig. Seine Worte waren wie Tränenwasser, das er zur Reinigung brauchte, ahnend, dass ihr Verschwinden ein kosmisches Unglück nach sich ziehen konnte.
 
Harald Herrmann
"Rilke: Wörter aus atmen"
Rombach Verlag, 2025
ISBN 978-3-7930-6132-8